Ein architektonischer Stadtrundgang
Interaktiver Unterricht ist laut Forschung sinnvoll und wirkt sich positiv auf das Lernergebnis und die Motivation aus – insbesondere, wenn er digital gestützt und kognitiv aktivierend ist.
Dieser Ansatz bestätigte sich am Montag, dem 22. September, als sich der Kunst-LK und -GK der Jahrgangsstufe 13 in der Marburger Oberstadt zu einer von den Schülern selbst erarbeiteten Stadtführung trafen.
Die anfangs allgegenwärtige Erschöpfung wurde bald von dem durch Mark und Bein gehenden Herbstwind und Zoes Anekdoten über den Uhrenturm sowie die interessante Bauweise des Rathauses vertrieben.
Das Rathaus näher betrachtet
Dieses bekannte Bauwerk steht an der Südseite des Marktplatzes mit der Schauseite in Richtung Norden. Das steinerne Gebäude ist drei Stockwerke hoch und der Epoche der Spätgotik zuzuordnen. Markant ist der sechseckige Treppenturm in der Mitte der Rathausfront. Der Turm hat einen eigenen Eingang, über dem ein Relief einer Heiligen angebracht ist. Über diesem Turm befindet sich der 1581/1582 nachträglich erbaute und reich verzierte Dachgiebel mit der Rathausuhr.
Über der Uhr steht ein Kupfergockel, der stündlich seine Flügel auf- und abschlägt. Der Trompeter links von der Uhr bläst ebenfalls zur vollen Stunde. Besonders diese spannenden Verzierungen der Uhr beeindruckten uns sehr.
Kilian – das älteste noch bewohnte Haus Marburgs
Auch wenn viele der Gebäude, die während unserer Oberstadtexpedition Beachtung fanden, den meisten bereits bekannt waren, war es doch etwas anderes, deren Besonderheiten, Eigenschaften und Geschichte kennenzulernen. Das „Kilian“ beispielsweise ist das älteste noch stehende und bewohnte Haus Marburgs.
Mit seinen rund 800 Jahren ist es von zahlreichen Kultur- und Kunstepochen geprägt. Bis vor 500 Jahren war es noch die älteste Kirche Marburgs, wurde dann jedoch zu einem Treffpunkt der Schuhmacher. Daher heißt der Platz neben dem Kilian auch „Schuhmarkt“. Auf die Grundmauern der romanischen Steinkirche wurden später Fachwerkelemente aufgesetzt. Es ist ein erstaunliches Beispiel für die vielfältigen Möglichkeiten, ein Gebäude im Laufe der Zeit unterschiedlich zu nutzen. In diesem Fall wurde ein Sakralbau zu einem Gildentreffpunkt, einer Polizeiwache und schließlich zu einem Wohnhaus umgestaltet. Einige der Epochen dieses Hauses sind noch heute an seinen Mauern ablesbar – obwohl sie teilweise schon mehrere Jahrhunderte zurückliegen. Ähnlich verhält es sich mit der Alten Universität und ihrer Kirche. Bei genauerer Betrachtung fällt der Unterschied im Hauptbaumaterial zwischen dem Kirchenkorpus und den daran angebauten Universitätsgebäuden auf.
Alte Uni aus weißem Sandstein
Im Gegensatz zum Kirchenbau ist die Alte Universität aus weißem Sandstein erbaut – was heute aufgrund der Witterung jedoch kaum noch zu erkennen ist. Tatsächlich ist die Klosterkirche etwa 400 Jahre älter als die Alte Universität, die dennoch als erste protestantische Universität der Welt gilt. Sie unterscheidet sich von der Universitätskirche in ihrer Baugeschichte: Während die Universitätskirche ein historisches Gebäude ist, das nachträglich neugotisch umgestaltet wurde, wurde die Alte Universität von Grund auf neugotisch konzipiert und gebaut.
Bei genauerem Hinsehen wird der Altersunterschied dennoch deutlich – trotz der Bemühungen der Architekten und Baumeister, ihn zu kaschieren.
Einprägsamer als jedes Referat
Die vielen wunderschönen, alten Fachwerkhäuser, die in der Marburger Altstadt zu finden sind, sind so geschichtsträchtig und architektonisch beeindruckend, dass manch einer darüber sogar die nicht bestandene Fahrprüfung am Morgen desselben Tages vergessen konnte.
Nach diesem lehrreichen Rundgang durch die Oberstadt und ihre Bauten waren sich alle einig: Diese (inter)aktive Unterrichtsstunde war einprägsamer, als es jedes Referat hätte sein können. Wir haben in diesen zwei Stunden mehr über die verschiedensten architektonischen Stile und Bauwerke in Marburg gelernt, als in all den Jahren unseres bisherigen Lebens in unserer geschichtsträchtigen Heimatstadt.
Paula Koch






